Mythen und Fakten – Die Integrationsdebatte aus medizinischer Sicht Am 9. Dezember 2013 diskutierten Prof. Dr. Andreas Heinz (Klinikdirektor der Charité, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie), Stefanie Remlinger (Kulturwissenschaftlerin und bildungspolitische Sprecherin im Berliner Abgeordnetenhaus) und Heiko Thomas (gesundheitspolitischer Sprecher im Berliner Abgeordnetenhaus) über Integration – aus einer medizinischen Perspektive.

Migration im Zusammenhang mit Medizin zu diskutieren ist heikel. Schließlich hat die Integrationsdebatte, die Thilo Sarrazin mit seinen Thesen in Deutschland ausgelöst hat, die deutsche Politik zutiefst irritiert. Sein 2010 erschienenes Buch war leider kein Einzelfall, erst kürzlich wiederholte er seine Position bei einer Konferenz des Magazins Compact. Selbst die Vereinten Nationen sind inzwischen aufmerksam geworden und kritisieren im Kontext der deutschen Integrationsdebatten der letzten Jahre eine „organisierte Diskriminierung“ in Deutschland.

Andreas Heinz hat zusammen mit anderen Autoren ein Buch geschrieben: Einwanderung – Bedrohung oder Zukunft?: Mythen und Fakten zur Integration. Darin entlarvt er Sarrazins Thesen und überführt seine Methoden der Unwissenschaftlichkeit. Denn das Perfide an Sarrazins Buch ist, dass er seine Thesen mithilfe scheinbarer Fakten und medizinischem Halbwissen belegt und mit der Emphase auftritt, doch nur die Wahrheit auszusprechen. Dabei sind Sarrazins Methoden wissenschaftlich höchst fragwürdig, da sie auf statistisch vollkommen unsystematischen Messungen basieren. Ebenso taugen IQ-Tests nicht zur Messung von Intelligenz, denn nachweislich verändert Bildung den IQ.

Sarrazin steht mit seiner Annahme, Intelligenz sei erblich und daher genetisch bedingt, in der Tradition einer Diskussion, die in den USA vor rund 20 Jahren geführt wurde. Die Autoren von „The Bell Curve“, einer umstrittenen Untersuchung über Beziehungen zwischen sozioökonomischer Klasse, ethnischer Herkunft und der Vererbbarkeit von Intelligenz brachten erstmals Intelligenz in Zusammenhang mit sozioökonomischen Klassen sowie der ethnischen Zugehörigkeit.

Sarrazin begeht – wie sie – bereits in der Prämisse einen weitreichenden Fehler: er nimmt Intelligenz als erblich an. Dabei sind Unterschiede zwischen sozialen Gruppen zum größten Teil umweltbedingt, das heißt nicht vererbt. Genetische Unterschiede sind demnach nur Verteilungswahrscheinlichkeiten, so tritt etwa eine bestimmte Blutgruppe in bestimmten Ländern häufiger auf. Erblich weitergegeben werden nur etwa 50% und nicht wie Sarrazin annimmt 80%. Ein weiteres Manko: Intelligenz erklärt nur zu einem Bruchteil Bildungserfolg und berufliches Fortkommen – viel wichtiger sind in den meisten Fällen persönliche Beziehungen und informelle Regeln.
Sarrazin nicht inhaltlich diskutieren, sondern ihn bereits methodisch bloßzustellen, das ist das Anliegen von Prof. Dr. Heinz und seinen Ko-Autoren und diese Herangehensweise traf auf die Zustimmung der Gäste. Ein wichtiges Ergebnis der Diskussion war außerdem der Wunsch nach einer politischen Kultur in Deutschland, mit der wir überhaupt in der Lage sind über die Einwanderungsgesellschaft zu sprechen. Denn gerade weil diese Kultur in Deutschland bisher fehlt, könnte man diese unsägliche Debatte auch gleichzeitig als Antrieb verstehen die Frage nach Identität in Deutschland neu zu stellen und neu zu konstruieren. Bei einer so komplexen Frage ist es ist notwendig, sie so komplex zu beantworten wie sie ist und sich außerdem zu trauen sie fröhlich und patchworkartiger zu diskutieren.