Pflege unter Druck - Warum pflegt sich Pflege krank?

Am 21. Oktober 2013 diskutierten Frau Hedwig Francois-Kettner, die Pflegedirektorin der Charité, Prof. Dr. Matthias Zündel, der Studiengangsbeauftragte für den Bachelor of Nursing der Evangelischen Hochschule und rund 30 Gäste unter der Moderation des Gesundheitsheitspolitischen Sprechers der Grünen Heiko Thomas über Problem- und Zielstellungen der Pflege.

Die Frage nach der Notwendigkeit einer Pflegekammer zog sich von Beginn an wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Es gab nicht nur Zustimmung für eine Kammer. Die Anwesenden kamen aber darin überein, dass Pflegende mehr Möglichkeiten bräuchten, um sich im Rahmen der Selbstverwaltung einbringen zu können. Kritisch wurde in diesem Zusammenhang aufgeworfen, dass die deutsche Krankenhausgesellschaft aber nach wie vor diktiere, was Pflege brauche. Dabei sei die Pflege die größte Berufsgruppe ohne Entscheidungsgewalt, der die Tätigkeiten lediglich delegiert würden. Wünschenswert wäre ein stärkerer Gemeinsinn unter den Pflegenden wie auch unter den Angestellten unterschiedlichster Gesundheitsberufe. Besonders was die Beziehungen zwischen Pflegenden und Ärzteschaft anginge, wurde der Wunsch nach weniger gegenseitigen Blockaden laut und mögliche unterscheidliche Vorstellungen von einer Eingliederung der Pflege in ein System der Selbstverwaltung angedacht.

In Bezug auf die Ausbildung von Pflegekräften wurde bemängelt, dass es keine bzw. nicht ausreichende strukturelle Rahmenbedingungen für AbsolventInnen von Pflege-Studiengängen gäbe. Dies und der Abbau von Pflegestellen führt anhaltend dazu, dass gut ausgebildete AbsolventInnen ins Ausland abwanderten. Dabei seien z.B. im  Studiengang Bachelor of Nursing in 10 Jahren eine erschütternd geringe Zahl von gerade einmal 160 Studierenden ausgebildet worden. Missstände wie fehlende  Möglichkeiten für QuereinsteigerInnen und das Auseinanderklaffen von  PflegewissenschaftlerInnen und Basispflegenden wurden zusätzlich thematisiert. Dabei standen folgende Fragen im Raum: Ist eine starke Akademisierung der Pflege allein ausreichend, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen? Erwächst Macht aus herausragender Kompetenz und Unentbehrlichkeit oder muss vorerst ein Machtzuwachs errungen werden, um Kompetenz und Stärke zu erlangen?

Bei der Frage, ob nun das Goldene Zeitalter der Pflege angebrochen sei, wurde die Diskussion noch einmal deutlich angeheizt. Derzeit könne in Bezug auf die Pflege nur von einer sozialpolitischen Kathastrophe gesprochen werden, wobei lediglich zu hoffen sei, dass die stetig zunehmende Brisanz zur Stärkung der Pflege beitragen wird. Unter den gegebenen Umständen, mit u.a. viel zu geringen finanziellen Mitteln und einem enormen Wettbewerbsdruck zwischen ambulanten Pflegediensten könnte nur das Nötigste bewältigt werden geschweige denn das Optimalste. Die hohe Leidensfähigkeit des Berufsstandes würde immer wieder aufs Neue unter Beweis gestellt: „Um Würde und Ethik geht es schon lange nicht mehr! Die Pflege liegt am Boden. Die Alltagsbewältigung steht zu sehr im Vordergrund.“