Interview mit Heiko Thomas

Heiko Thomas - persönlich und politisch

Heiko Thomas, 1969 in Remscheid (NRW) geboren, ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur. Nach gut 10 Jahren in diesem Beruf machte er das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg um Theologie zu studieren.

Daraus ist dann doch ein Politikwissenschaftsstudium geworden. Seit 12 Jahren arbeitet Heiko Thomas in der grünen Politik, zunächst als Mitarbeiter im Bundestag, dann in der Bundespartei und im Verbraucherschutzministerium.

Zurzeit ist er Fraktionsgeschäftsführer der Bündnisgrünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Außerdem arbeitet er als Gastdozent an der Uni Duisburg-Essen. In einer Bürgerabstimmung wurde Heiko Thomas im Januar zum grünen Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 77 (Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee) gewählt.

Elf Fragen an Heiko Thomas

Wie wird aus einem Gas- und Wasserinstallateur ein Grüner? Was hat Sie politisiert?

Eine grüne Grundüberzeugung hatte ich schon immer, aber der Weg zu den Grünen hat Zeit gebraucht. In meiner Familie war es wichtig, informiert zu sein über Politik und Gesellschaft. Eine Parteimitgliedschaft lag mir damals aber eher fern. Im Alter von 15 habe ich mit Jugend- und Eine-Welt-Arbeit angefangen und mich mit der Theologie der Befreiung und mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Politisiert hat mich auch die Tatsache, dass wir nahe Verwandte in der DDR hatten und Besuche nur selten und unter großen Schwierigkeiten möglich waren. Zu den Grünen bin ich schließlich Mitte der 90er Jahre gegangen, als in NRW Bärbel Höhn und Michel Vesper die Stimmung änderten und ich das Gefühl hatte: Die wollen gestalten, Verantwortung übernehmen und konstruktiv arbeiten.

Pankow ist...?

Der lebendigste und engagierteste Berliner Stadtbezirk - der, in dem die meiste Bewegung ist. Und damit meine ich nicht nur den Prenzlauer Berg! Auch in Alt-Pankow und Weißensee entstehen und wachsen ständig Vereine und Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern, die sich sowohl um die Bewahrung der Geschichte der einzelnen Ortsteile kümmern als auch um die Zukunft, um Jugend, Bildung und Kultur, und um die Grünflächen. Ich lebe vor allem hier, weil ich mich in dem offenen und kreativen Umfeld sehr wohl fühle.

Und was sind hier die Herausforderungen?

Den vielen Kindern im Bezirk muss eine gute Perspektive gegeben werden, mit Strukturen, Räumen, Angeboten für Bildung und Freizeit. Als ich für Renate Künast im Verbraucherministerium gearbeitet habe, habe ich gelernt: Man muss immer drei Schritte vorausdenken. Also: Was machen wir, wenn die Grundschulkinder von heute alle Teenager sind?! Außerdem muss es mehr existenzsichernde Arbeitsplätze geben, wir haben hier sehr viele unstete Erwerbsbiographien, das ist auch ein Ausdruck des kreativen Umfelds dieses Bezirks. Ich bin davon überzeugt, dass es ohne ein gesichertes Leben kein politisches Engagement und kein soziales Miteinander geben kann.

Was sind Ihre Anliegen in Ihrem Wahlkreis?

Drei Sachen liegen mir am Herzen: Zum einen möchte ich die lebendige Stadtgesellschaft stärken. Vor 20 Jahren hat hier in diesem Bezirk eine friedliche Revolution begonnen. Wir hier in Pankow tragen auch eine Verantwortung dafür, dass die errungene Demokratie nicht an den Wurzeln fault.

Zweitens arbeite ich zurzeit an einem Konzept für einen Kollektivverkehr in Pankow. Man stelle sich vor, die Zahl der Autos, etwa im Prenzlauer Berg, würde sich halbieren. Ich glaube, dass so etwas möglich ist und dadurch auch noch neue Jobs entstehen.

Und drittens geht es mir darum, für die lokale Wirtschaft Ansprechpartner zu sein. Am Beispiel des Campus Buch sieht man, dass zukunftsfähige Arbeitsplätze von Rot-Rot in Pankow nicht wirklich gefördert werden.

Als Grüne versprechen wir im Wahlprogramm eine Million neue Jobs in vier Jahren. Ich halte das für realistisch. Deshalb möchte ich viele davon nach Pankow holen.

Was für eine Art von Abgeordneter wollen Sie sein?

Ich möchte in Pankow sehr präsent sein, und Präsenz ist für etwas anderes als Schirmherrenschaften. Ich genieße vielmehr die vielen Gespräche mit Leuten in unterschiedlichen Zusammenhängen, weil man daraus Informationen, Kraft und Ideen sammeln kann. Ich will immer mit offenen Augen und Ohren durch den Bezirk gehen und mich von Pankow für meine Arbeit im Bundestag inspirieren lassen. Pankow hat mit seiner prekären Kreativität, seiner Bildungsorientiertheit, seinen demokratiebewussten BewohnerInnen und mit seiner eingebauten Ost-West Dimension sehr viel zu sagen für das ganze Land.

Sie waren elf Jahre lang Gas- und Wasserinstallateur...

...das stimmt. Ich habe fast die ganze Zeit im Kundendienst gearbeitet, aus diesem Fundus an Erfahrungen im Umgang mit den Kunden profitiere ich heute noch. Ich hatte oft sechs bis acht Kundenbesuche pro Tag und kam auf diese Weise in die Küchen und Bäder der verschiedensten Leute aus allen Teilen der Gesellschaft.

Das lehrt einen, die Augen und Ohren offen zu halten für die Menschen, mit denen man umgeht. Zum Beispiel gab es mal eine ältere Dame - sie hatte mich für einen kleinen Auftrag kommen lassen, der nur eine Minute dauerte. Aber ich bin bestimmt eine Dreiviertelstunde geblieben, sie hat mit mir über Gott und die Welt geredet, weil sie mal jemanden zum Reden brauchte. Ich habe die Kosten für die Zeit mit der Dame auf die anderen Kunden des Tages verteilt. Das war für mich Handwerkergerechtigkeit.

Wo ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

(Antwortet ohne zu überlegen:) Der Bürgerpark Pankow! Da kann man gut joggen, feiern, Kinder spielen lassen. Mich beeindruckt es, wie die Bürgerinnen und Bürger diesen Park für sich wiedererobert haben, zum Beispiel mit der Initiative zur Wiederherstellung des Tores.

Pankow als bündnisgrüner Kandidat direkt zu gewinnen ist ein optimistisches Vorhaben...

Ich gehe an alles, was ich tue, mit Optimismus heran. Ohne eine optimistische Haltung hätte ich es wohl nicht geschafft, als Handwerker mein Abi nachzuholen und dann auch noch zu studieren! Mein Optimismus ist nicht zu verwechseln mit Naivität: Ich gehe durchaus vom Schlimmsten aus - und tue dann alles, damit es dazu nicht kommt. Bis jetzt hat das immer geklappt!

Wie unterscheiden sich das Rheinland, wo Sie aufgewachsen sind, und Berlin?

Den Rhein vermisse ich in Berlin wirklich - und dann könnte es hier noch mehr von dem rheinischen „Lebe un lebe lasse" geben, also ein bisschen mehr von dieser Mischung aus Gelassenheit und Respekt für den Anderen. Was in Berlin dagegen besser gelingt, ist das wirkliche miteinander Leben, sich engagieren, aufeinander achten. In Berlin leben die verschiedenen sozialen Gruppen auf engem Raum miteinander.

Gerade in Pankow fällt mir auf, dass die Leute ein direktes und nahes Zusammenleben pflegen, dass man sich umeinander kümmert. Gleichzeitig gibt es in Berlin eine einzigartige Freiheit, man kann sich ausprobieren und tun, was einem gefällt!

Wenn es nach Ihnen ginge: Wie sieht Pankow in 10 Jahren aus...?

Pankow hat in 10 Jahren aus den heutigen zahlreichen Kindern im Bezirk mit vielen Angeboten, Projekten und FreiRäumen junge Erwachsene mit guten Perspektiven im Leben und in der Arbeitswelt werden lassen. Die Generationen leben nicht nur nebeneinander her, sondern respektieren einander.

... und was wünschen Sie sich selbst?

Ich möchte dann die Herausforderung gemeistert haben, meine Zeit als Familienvater zu verbringen und gleichzeitig drei Dinge zu machen: nämlich wieder handwerklich zu arbeiten, an der Uni zu lehren und Politik zu machen.

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Das Interview führte Silke Schendel im Mai 2009